Lecker-Land ist abgebrannt - Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur

von: Manfred Kriener

S.Hirzel Verlag, 2020

ISBN: 9783777628561 , 100 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 13,90 EUR

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Lecker-Land ist abgebrannt - Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur


 

Frage: Woran erkennst du einen Veganer? Antwort: Er wird es dir sagen! Man möge den kleinen Jokus zu Beginn dieses Kapitels verzeihen. Gleichwohl bringt er das missionarische Bekennertum jener Spezies auf den Punkt, die im Ernährungsdiskurs der letzten Jahre den Takt klopft: die Veganer. Bis ins letzte Dorfgasthaus im Bayerischen Wald haben sie die Speisezettel der Republik verändert. In einer Gesellschaft, die mit zunehmender Verunsicherung und wachsendem Ekel auf die Fleisch-, Milch- und Eierproduktion in den von ihr selbst geschaffenen Monsterställen blickt, haben sie einen radikalen Schnitt vollzogen. Sie spielen nicht mehr mit. Sie essen, tragen, verbrauchen nichts mehr vom Tier. Schluss mit Kükentöten, Schnäbelkürzen, Hoden- und Schwänzeabkneifen. Schluss mit Antibiotika-Orgien und überforderten kranken Hochleistungstieren. Schluss mit Milchlämmern und Stubenküken, die, kaum geboren, schon auf dem Teller landen. Schluss mit Fischen aus Netzkäfigen, mit Fettlebern gestopfter Enten und Gänse und lebenden Hummern im kochenden Wasser. Schluss mit der ganzen Bestialität.

Die kompromisslose Konsequenz dieser Haltung ist beeindruckend. Ohnehin erzeugt eine stark auf Pflanzen basierende Ernährung so viel Sympathie wie die industrielle Massentierhaltung regelmäßiges Schaudern. Die Grundeinstellung gegenüber veganer Kost ist keineswegs so negativ, wie es manchmal scheinen mag. Allerdings stellen die ideologischen Hardliner vom radikalen Flügel der Bewegung unsere Sympathie immer wieder auf harte Proben. So verharrt das Publikum im ambivalent-kulinarischen Wartestand zwischen Beifall und Kopfschütteln.

Viele »Normalesser« fühlen sich durch die teilweise aggressive Kampfrhetorik der Veggiebewegung[18] provoziert. Wer lässt sich schon gern als Aasfresser oder Tiermörder bezeichnen, der Leichenteile verzehrt und für den »Dauerholocaust an Tieren« verantwortlich ist? Hinzu kommt, dass nicht wenige Normalköstler wegen ihres regelmäßigen Verbrauchs von Fleisch aus industrieller Massenhaltung tatsächlich ein schlechtes Gewissen haben und gelegentlich bedrückende Gefühle abwehren müssen. Entsprechend heftig fallen manchmal die Reaktionen auf das Reizwort »vegan« aus. Einige Verstiegenheiten der Szene laden die Kritiker aber auch geradezu ein. Mit schenkelklopfender Polemik werden die Pflanzenköstler dann als wahnhafte Gutmenschen und depperte Salatköpfe verhöhnt. Man pickt sich die bizarrsten Äußerungen heraus, spitzt sie noch ein wenig zu, um sie anschließend mit viel Getöse als »total Banane« zu entlarven.

Udo Pollmer, Enfant terrible und Pausenclown der Ernährungswissenschaft, zelebriert diese Methode gemeinsam mit zwei Co-Autoren aufs Unterhaltsamste und Bösartigste in seinem Buch Don’t Go Veggie!.[19] So argumentiert er allen Ernstes, ein vegetarischer Donnerstag als »fleischfreier Buß- und Bettag« für alle könne den Tierverbrauch keinesfalls senken, weil die Tiere dann eben am Freitag geschlachtet würden. Vegetarier und Veganer werden als gedankenlose Luxusbienen hingestellt, die sich »mitten in der Erntesaison für deutsche Frühkartoffeln […] doppelt so teure Spezialitäten aus Malta, Neuseeland, Sambia und Simbabwe« kaufen. Statt in eine anständige teutonische Bratwurst zu beißen, verzehrten sie lieber peruanischen Spargel. Da wird dann sogar der spanische Stierkampf verteidigt, weil »praktisch das gesamte Leben der Kampfstiere eigentlich den Wünschen der Tierschützer entspricht« und sie in der Arena doch »einen gnädigen Tod« stürben. Das Fleisch der Kampfstiere sei zudem äußerst delikat. Es ist immer wieder erstaunlich, wie polarisierend und eskalierend die Debatte geführt wird. Kein anderes Thema, schreibt DIE ZEIT, habe im Jahr ihres Erscheinens so viele Diskussionen und Leserreaktionen ausgelöst wie die Artikelserie zum Veganismus.

Seriöser und klüger als Pollmer argumentiert der Theologe Kai Funkschmidt. Auch er geht die Veganer frontal an, erspart sich aber die Häme in seiner Analyse des »Veganismus als Ersatzreligion«.[20] Und er konzediert, dass es »gute Gründe gibt, tierethische Erwägungen [beim Essen] zu berücksichtigen«. Weiter heißt es: »Die Massentierhaltung führt zu realen ethischen und ökologischen Problemen, die auch aus einer christlichen Perspektive der Schöpfungsverantwortung heraus kritisch zu bewerten sind.« Funkschmidt bescheinigt der Veggiebewegung, dass sie viel dazu beitrage, die Tierhaltung auf die politische Tagesordnung zu setzen und Menschen dafür zu sensibilisieren. »Indem sich einige demonstrativ zu extrem asketischen Formen der Lebensgestaltung entschließen, stellen sie berechtigterweise Selbstverständlichkeiten infrage, die ohne diese radikale Minderheit weniger Beachtung fänden.«

Gleichzeitig sieht Funkschmidt in der veganen Bewegung die Züge einer quasi-religiösen Weltanschauungsgemeinschaft mit Heilsversprechen und sinnstiftender Funktion. Natürlich werde auch kräftig missioniert, und es kursierten in der Szene immer wieder wundersame Bekehrungsgeschichten, etwa die vom karriereversessenen Fleischesser, der den Planeten und die Menschen ausplündert, bis er mit veganem Essen auf den richtigen Weg findet. Das Essen, analysiert der Theologe, werde zur alles dominierenden Frage, zum Zentrum des neuen guten Lebens. Man isst nicht vegan, man lebt vegan. Während die Speiseregeln eigentlich nur die kulinarische Komponente einer Religion sein sollen, würden sie bei vielen Veganern selbst zur Religion erhoben. Der Autor beschreibt die Geschichte und Theorieentwicklung der Veggiebewegung, ihr Schwarz-Weiß-Denken und ihr Elitebewusstsein, aber auch ihre akribische Suche nach tierischen Produkten in allen möglichen Alltagsgegenständen bis hin zum Holzleim im Bücherregal. Der wird häufig auf Basis von Glutin und Kasein hergestellt und steht deshalb auf dem Index.

Die behaupteten gesundheitlichen Vorteile einer veganen Ernährung hält Funkschmidt für nicht belegt. Da ist er nicht der Einzige. Zunächst ist festzuhalten, dass Ernährungsumstellungen grundsätzlich einen positiven Placeboeffekt haben. Man ist aktiv geworden, man ernährt sich jetzt bewusster und glaubt, eine gute Wahl getroffen zu haben. Das kann das Lebensgefühl schon mal verbessern. Doch veganes Essen, dies wird von medizinischer Seite immer wieder betont, ist vor allem für Kinder und Jugendliche mit Risiken verbunden. Ohne die regelmäßige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln fehlen dem Körper wichtige Nährstoffe. Funkschmidt kritisiert, dass die Veggieszene bei ihren auf die Gesundheit zielenden Vergleichen unterschiedlicher Ernährungsstile oft von einem unvernünftig exzessiven Fleischgenuss ausgehe und diesem einen sorgfältig reflektierten Veganismus gegenüberstelle. Dies sei unseriös und methodisch fehlerhaft. Funkschmidt hat recht. Natürlich gibt es auch den moderaten und reflektierten Fleischgenuss und umgekehrt einen unvernünftigen Veganismus.

Die Horrorgeschichten von vegan ernährten Kindern, die an Mangelernährung gestorben sind, eignen sich allerdings nicht als Munition fürs Bashing der Veggiebewegung. Wenn ein vegan ernährtes Kind sterbenskrank wird, wie in dem spektakulären Fall im belgischen Beveren, und die Eltern die Schulmedizin ablehnen und auch in höchster Not mit einem Kleinkind in alarmierendem Zustand lieber den Homöopathen aufsuchen, anstatt ins Krankenhaus zu fahren, dann ist das nicht typisch vegan, sondern Ausdruck außergewöhnlicher Verantwortungslosigkeit. In dem konkreten Fall hatte der kleine, sieben Monate alte Lukas nach Darstellung der Eltern keine herkömmlichen Milchprodukte vertragen und sich wiederholt übergeben. Deshalb hatte das Ehepaar, das einen Naturkostladen führt, das Kind mit Hafer-, Quinoa-, und Buchweizenmilch aus dem eigenen Verkauf ernährt. Das Kind hatte mit 4,3 Kilogramm starkes Untergewicht und war dehydriert, als es – bereits tot – endlich in der Notaufnahme des Krankenhauses eintraf.

Eine vegane Ernährung für Kleinkinder wird von den meisten Ernährungswissenschaftlern als gefährlich abgelehnt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schreibt: »Für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche wird eine vegane Ernährung nicht empfohlen. Wer sich dennoch vegan ernähren möchte, sollte dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat einnehmen, auf eine ausreichende Zufuhr der kritischen Nährstoffe achten und gegebenenfalls angereicherte Lebensmittel und Nährstoffpräparate verwenden. Dazu sollte eine Beratung von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft erfolgen und die Versorgung mit kritischen Nährstoffen regelmäßig ärztlich überprüft werden.«[21] Was die DGE nicht sagt: So verliert das tägliche Essen seine Leichtigkeit und Natürlichkeit, Nährstoffkunde wird zum Pflichtfach.

Der Verband Proveg beharrt darauf, dass eine vegane Ernährung in allen Lebensphasen möglich und gesund sei. Allerdings ist der Verband bei seinen Ernährungsempfehlungen für Säuglinge und Kleinkinder ehrlich genug, um einzuräumen, dass »bei Säuglingen von vegan lebenden Frauen, die selbst weder mit Vitamin B12 angereicherte Lebensmittel, Vitamin-B12-Zahncreme noch Nahrungsergänzungsmittel verwenden, schwere Wachstums- und Entwicklungsstörungen beobachtet wurden.« Auch Proveg empfiehlt deshalb unter anderem die Einnahme von Vitamin-B12-Supplementen.

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