Der Rausholer

Der Rausholer

von: Max Claro

Heller Verlag, 2020

ISBN: 9783929403633 , 368 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 15,99 EUR

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Der Rausholer


 

Kapitel 3
Der längste Tag

Wie lange dauert ein Tag? 24 Stunden? Vom Aufwachen bis zum Schlafengehen? Meist sind es nur 16 oder 17 Stunden, es können aber auch 70, 80 oder noch mehr sein. Je höher der Adrenalinspiegel, desto länger hält man durch. Das Tückische dabei ist, so erzählten mir verwundete Kameraden in unserem Hospital, dass der Adrenalinspiegel irgendwann absinkt und die Müdigkeit siegt. Und genau dann, irgendwann mitten in der Nacht, griff Charly an, schoss aus allen Rohren und brannte die halbe Stellung nieder, noch ehe die Kameraden zu ihren Waffen greifen konnten. Charly war der Codename für den Vietcong, unseren erbitterten Gegner.

Als ich am Morgen nach meinem Ausflug mit Barry aufwachte, hatte das Schicksal schon bestimmt, dass dies der längste Tag meines Lebens werden würde.

Mein Plan war, meinen freien Tag so gut und sinnvoll wie möglich zu nutzen. Vormittags schwamm ich ein paar Runden am Red Beach im Meer. Der Strandabschnitt an der Nguyen Tat Thanh Straße war von unseren Jungs gut gesichert.

Nachmittags machte ich mich, nur mit Shorts und T-Shirt bekleidet, auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt 200 Meter nördlich der Anlegestelle der Helgoland in der Bucht von Da Nang.

Ulf war so pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk, kleidete mich in Weiß und geleitete mich auf das weiße Schiff mit den drei riesigen roten Kreuzen auf jeder Seite. Die Helgoland war knappe 100 Meter lang, 15 Meter breit, verfügte über mehrere Operationssäle und 150 Krankenbetten. Das Hospitalschiff wurde von der Bundesregierung finanziert und vom Deutschen Roten Kreuz betrieben. Zu der über hundertköpfigen Crew gehörten acht Chirurgen, 20 deutsche Schwestern, Pfleger und MTAs sowie rund 70 vietnamesische Hilfskräfte, darunter Wäscher, Köche, Dolmetscher und einheimische Krankenschwestern.

Ich folgte Ulf durch den großen Krankensaal im Mitteldeck. Bilder des Grauens begleiteten uns: Ein junger Mann, dessen Körper mit Brand- und Schnittwunden übersät und dessen Fuß- und Fingernägel herausgerissen waren, eine schwangere Vietnamesin mit schwersten Verbrennungen, ein alter Mann, dem das linke Bein, der linke Arm und das linke Auge fehlten. Zwischen den Betten spielten Kinder, verletzte und unverletzte, und es drängten sich Pflegekräfte auf engem Raum. Eine Tür führte aufs Außendeck.

Ulf steckte sich eine Zigarette an.

»Bei uns kommt grundsätzlich keiner in Uniform an Bord. Eigentlich behandeln wir nur Zivilisten, aber wenn die Kämpfer ohne Waffen schwerverletzt aufs Schiff getragen werden, verweigern wir ihnen nicht die Behandlung, bloß weil sie schwarze Hosen tragen und vermutlich Vietcongs sind.«

»So wie die schwangere Frau mit den schweren Verbrennungen?«, fragte ich.

Ulf nickte.

»Ich bin mir sicher, dass in unseren Krankenbetten verfeindete Parteien Seite an Seite liegen. Aber noch nie ist es auf unserem Schiff zu Auseinandersetzungen gekommen. Nicht einmal zu Wortgefechten.«

»Was ist mit dem alten Mann passiert, dem linksseitig Bein, Arm und Auge fehlen?«

»Sein Wasserbüffel ist bei der Arbeit auf eine Mine getreten und wurde zerrissen. Der Büffel war, wie der Mann sagte, sein letztes Familienmitglied. Der Alte wird durchkommen.«

»Und dann?«, fragte ich.

Ulf zuckte mit den Schultern, zog an seiner Zigarette und wollte von mir wissen:

»Sag mal, was hat dich eigentlich nach Vietnam verschlagen?«

»Meine Mutter«, sagte ich spontan und war selbst über meine Antwort erstaunt.

»Deine Mutter?«, fragte Ulf ungläubig und fügte hinzu, »keine Mutter würde je ihren Sohn in diesen gottverdammten Krieg schicken!«

»Indirekt meine Mutter«, relativierte ich, »sie weiß nicht, dass ich in Vietnam bin. Sie hat mir das Leben zur Hölle gemacht, immer Druck ausgeübt. Nichts konnte ich ihr recht machen. Da habe ich mir das Geld für den Flug verdient und bin in die USA, mit dem Traum, es dort vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen.«

»War wohl ein Satz mit x«, meinte Ulf verständnisvoll.

»Irgendwann hat mich dann Uncle Sam …«, begann ich gerade, als von der nahen Uferpromenade Gefechtslärm herüberschallte und, bevor ich überhaupt registrierte, was los war, eine Rakete backbord wenige Meter neben der Helgoland ins Wasser schlug. Ulf zog mich geistesgegenwärtig ins Schiffsinnere, wo wir im nächsten Augenblick den Einschlag einer zweiten Rakete ganz in unserer Nähe hörten. Eine männliche Stimme verkündete über Lautsprecher auf Deutsch, Englisch und Französisch, gefolgt von einer weiblichen Stimme, die vermutlich die vietnamesische Übersetzung lieferte:

»Alarmstufe Rot. Plan C! – Alarmstufe Rot. Plan C!«

»Wir laufen gleich aus! Hilf mit, die Patienten an ihre Betten zu schnallen, und halt dich gut fest, sobald es losgeht!«, wies mich Ulf an.

Das Personal lief und stolperte wild durcheinander, um mich herum wuselte es wie in einem Ameisenhaufen. Ich versuchte, so schnell wie möglich so viele Patienten wie möglich mit den unter den Betten angebrachten Ledergurten anzuschnallen.

Plötzlich gab es einen kräftigen Ruck. Infusions- und Urinflaschen flogen durch die Gegend, Glas splitterte. Der Kapitän hatte die starken Dieselmotoren auf volle Kraft voraus gestellt, als seine Leute die Leinen lösten. Nun fuhr das stolze Schiff mit 19 Knoten, also etwa 35 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit hinaus ins Südchinesische Meer. Nach wenigen Minuten stoppte der Kapitän die Maschinen und ließ ankern. Vermutlich wurden bei dem Angriff schultergestützte russische RPG-7-Raketen abgefeuert, deren Reichweite deutlich unter 1000 Metern lag.

Der Kapitän verkündete per Lautsprecherdurchsage, dass er das Schiff gründlich inspizieren würde, während das restliche Personal Ordnung in den Sälen schaffen sollte. Punkt 17:00 Uhr setzte er eine Pflichtbesprechung für das gesamte Personal auf dem Oberdeck an. Ulf Peterson nutzte die Chance, um mich Kapitän Paul von Hagen und dem übrigen Personal als Journalist Michael Müller vom Hamburger Abendblatt vorzustellen. Von Hagen, ein stattlicher Mann mit ruhiger, souveräner Ausstrahlung und schlohweißem Seemannsbart, nickte mir kurz zu und verkündete mit freudig funkelnden Augen:

»Leute, die Helgoland hat mal wieder nichts abbekommen! Soweit ich weiß, gab es auch keine Verletzten. Oder weiß jemand mehr?«

Allgemeines Kopfschütteln.

»Wir ankern erst mal eine Weile hier. Da sind wir relativ sicher vor Angriffen. Aber der Seegang ist höher als in der Bucht, was uns das Arbeiten erschweren wird, insbesondere den Herrn Chirurgen. Von 6:00 Uhr morgens bis 18:00 Uhr fahren wir mit einem unserer Beiboote alle drei Stunden zwischen unserer Anlegestelle in der Bucht und hin und her, um Verletzte zu holen oder an Land zurückzubringen. Macht dafür mal etwas Mund-zu-Mund-Propaganda! Hat noch jemand Fragen?«

»Wurde die Helgoland schon öfter angegriffen und wer steckt dahinter?«, fragte ich nach professioneller Journalistenart.

»Gute Frage, junger Mann. Wir haben alle Kriegsparteien eingeladen, die Helgoland zu besichtigen, und bekamen von allen die schriftliche Zusicherung, das Schiff nicht anzugreifen. In den letzten beiden Monaten ist es dreimal vorgekommen, dass wir Kriegshandlungen und Raketeneinschläge in nächster Nähe hatten. Einmal hatte ein ARVN-Kämpfer, also ein Soldat der südvietnamesischen Armee, versehentlich eine Panzerabwehrrakete in unsere Richtung abgeschossen, in den anderen Fällen beschuldigten sich die Parteien gegenseitig, um unser Schiff herum Scharmützel angefangen zu haben. Weitere Fragen?«

Ulf meldete sich.

»Nach unserem ersten Alarmstart vor zwei Monaten sind die meisten unserer Urin-Glasflaschen und auch ein Teil unserer Infusionsflaschen zu Bruch gegangen. Ich habe daraufhin unverzüglich im DRK-Zentrallager in Deutschland Plastik-Urinflaschen und Infusionsbeutel bestellt. Gestern kam die dringend benötigte Lieferung mit unserem Versorgungsschiff. Und ratet mal, was in den Kisten drin war?«

Betretene Stille. Eine lange, halbe Minute. Bis einer der Chirurgen die Hand hob und mit böser Vorahnung fragte:

»Glas?«

»Richtig! Und die Scherben und die Soße haben wir jetzt im großen Saal im Mitteldeck! Und die zusätzliche Arbeit auch, da wir weiterhin jeden auf eine Schüssel setzen müssen, auch wenn er nur pinkeln will«, stellte Ulf fest.

Dr. Martin Pawlik, Chirurg und ärztlicher Leiter und Kapitän Paul von Hagen versicherten, sich mit einer persönlichen Note bei der DRK-Zentrale dafür einzusetzen, dass schnellstmöglich Plastik-Urinflaschen und Infusionsbeutel geliefert würden. Ulf flüsterte mir hinter vorgehaltener Hand zu:

»Das hatten wir schon mal. Der persönliche Einsatz unserer Chefs hat leider auch nichts gebracht. Ich glaube einfach, die schicken uns aus Deutschland nur, was sie selbst nicht mehr brauchen und haben keine Vorstellung von dem, was hier los ist!«

Die Atmosphäre war angespannt, aber professionell: kein Wutausbruch, kein Nervenzusammenbruch, keine lauten oder bösen Worte. Jeder tat, was getan werden musste und versuchte dabei auch noch zu lächeln. Ich setzte noch einen drauf und pfiff »I was Kaiser Bill’s Batman« von Whistling Jack Smith vor mich hin. Das kam gut an und viele versuchten es mit- oder nachzupfeifen. Die vietnamesischen Krankenschwestern hatten ihre Schwierigkeiten mit dem Pfeifen, was zu großem Gelächter führte und die Stimmung hob. Ich versuchte noch, einigen bei der richtigen Formung der Lippen...