Das Geheimnis des Paters Brown (German)

von: G. K. Chesterton

OTB eBook publishing, 2019

ISBN: 9783962728700 , 173 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 0,99 EUR

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Das Geheimnis des Paters Brown (German)


 

Das Geheimnis des Paters Brown


Flambeau, einst der berühmteste Verbrecher Frankreichs, später Privatdetektiv in England, hatte seit langem beide Berufe aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt. Man sagt, das Umsatteln sei ihm nicht ganz leicht geworden, und er habe in seinem neuen Berufe wegen zu vieler Gewissensskrupeln nicht so leicht und erfolgreich gearbeitet wie in seinem alten. Jedenfalls war er nach einem wildromantischen Leben an einem Plätzchen gelandet, das manche wohl als den geeigneten Ort für den Abschluß einer solchen Karriere bezeichnen könnten, auf einem spanischen Schlosse. Dies Schloß, wenn auch verhältnismäßig klein, war doch ein solider Bau, und der Weinberg mit den blauschwarz schimmernden Trauben und der Gemüsegarten mit den grünen Salat- und Kohlreihen bedeckten einen beträchtlichen Teil des braunen Schloßberges. Denn Flambeau besaß nach so vielen stürmischen Abenteuern noch jene so vielen Romanen eigene und (zum Beispiel) so vielen Amerikanern fehlende eigentümliche Energie, die Kraft, sich zur Ruhe zu setzen. Man kann diese Fähigkeit bei manchem großen Hotelbesitzer beobachten, dessen einziger Ehrgeiz ist, ein kleiner Bauer zu sein. Man bemerkt sie an vielen französischen Provinzkaufleuten, die in dem Augenblick, da sie sich in einen scheußlichen Millionär verwandeln und eine ganze Straße mit Läden kaufen könnten, haltmachen, um sich in Ruhe und Frieden ihrer Häuslichkeit und dem Dominospiel zu widmen. Flambeau hatte sich zufällig und fast plötzlich in eine spanische Dame verliebt, sie geheiratet und eine zahlreiche Familie gegründet, ohne das Verlangen zu haben oder wenigstens zu zeigen, die Grenzen seines Besitztums jemals wieder zu überschreiten. Aber eines Morgens beobachtete seine Familie, daß er ungewöhnlich unruhig und aufgeregt war. Er erwartete einen Gast, und als dieser Gast noch ein ferner schwarzer Punkt war, stürmte Flambeau, gefolgt von seinem kleinen Knaben, den Schloßberg hinunter, um dem das Tal heraufwandernden Ankömmling entgegenzugehen.

Der schwarze Punkt nahm langsam an Größe zu, ohne seine Form merklich zu verändern, denn er blieb sozusagen rund und schwarz. Das schwarze Habit der Geistlichen war in diesen Bergen keine ungewöhnliche Erscheinung, aber die Kleidung des Besuchers hatte, wenn sie ihn auch sofort als Kleriker anzeigte, im Vergleich mit dem langen Rock und der Soutane etwas zugleich bürgerlich Unauffälliges und doch fast Flottes an sich und kennzeichnete ihren Träger so deutlich als einen Bewohner der nordwestlichen Inseln, als ob er den Namen einer Londoner Eisenbahnstation auf der Brust trüge. Er hatte einen kurzen dicken Regenschirm mit keulenartigem Griff in der Hand, bei dessen Anblick Flambeau fast Tränen der Rührung vergoß, denn dieser Schirm hatte ehemals in vielen gemeinsamen Abenteuern der beiden Freunde eine Rolle gespielt. Der Ankömmling war nämlich ein englischer Freund des Franzosen, Pater Brown, der endlich seinen lang ersehnten, aber immer wieder aufgeschobenen Besuch abstattete. Die beiden hatten ständig korrespondiert, aber sich seit Jahren nicht gesehen.

Pater Brown wurde bald heimisch in dem Familienkreise, der groß genug war, um als Gesellschaft oder Gemeinschaft zu wirken. Er machte Bekanntschaft mit den großen vergoldeten und prächtig bemalten Holzfiguren der heiligen drei Könige, die den Kindern zu Weihnachten Geschenke bringen, denn in Spanien spielen die Kinder im häuslichen Leben eine große Rolle. Er machte Bekanntschaft mit dem Hunde, der Katze und dem gesamten Viehstand. Er machte aber auch Bekanntschaft mit einem Nachbarn, der gleich ihm in dieses Tal die Kleidung und die Sitten ferner Länder getragen hatte.

Es war am dritten Tage seines Aufenthaltes, als der Priester einen stattlichen Fremden erblickte, der mit Verbeugungen, wie sie kein spanischer Grande zuwege bringen könnte, der Familie seine Aufwartung machte. Er war ein großer, hagerer, grauhaariger und sehr eleganter Mann, dessen Hände, Manschetten und Manschettenknöpfe in ihrer Gepflegtheit und ihrem Glanz etwas Überwältigendes an sich hatten. Aber sein langes Gesicht trug keine Spur jener schläfrigen Langeweile, die in englischen Karikaturen untrennbar mit langen Manschetten und Maniküre verbunden ist. Er war auffallend munter und lebhaft, und in den Augen stand eine kindliche Neugier und Forscherlust, wie man sie bei einem Graukopf nur selten sieht. Dies allein hätte einem sagen können, welcher Nation der Mann angehörte, aber hinzu kamen noch der nasale Ton in seiner gepflegten Stimme und seine allzu schnelle Bereitwilligkeit, allem Europäischen ringsherum ein riesiges Alter zuzuschreiben. Er war in der Tat keine geringere Person als Herr Grandison Chace aus Boston, ein auf Reisen befindlicher Amerikaner, der hier in der Gegend kurz Station gemacht und zu diesem Zwecke das an Flambeaus Besitztum angrenzende Gut gepachtet hatte, ein ziemlich ähnliches Schloß auf einem ziemlich ähnlichen Berge. Er hatte eine Riesenfreude über seine alte Burg und betrachtete seinen freundlichen Nachbarn als eine ähnliche örtliche Sehenswürdigkeit. Denn Flambeau hatte es, wie schon gesagt, fertiggebracht, sich wirklich zur Ruhe zu setzen, gleichsam Wurzel zu schlagen. Es war, als ob er seit Urzeiten mit seinen Weinstöcken und seinen Feigenbäumen ein Monument der Gegend bildete. Er hatte seinen wirklichen Namen Duroc wieder angenommen, denn der Name Flambeau, Fackel, war nur ein Deckname gewesen, wie ihn solche Leute wie Duroc gern wählen, wenn sie Krieg gegen die Gesellschaft führen. Er war ein guter Gatte und Familienvater und entfernte sich niemals weiter vom Hause, als es für den Erfolg eines kleinen Pirschganges nötig war. Er erschien dem amerikanischen Weltenbummler als die Verkörperung jenes Kults heiterer bürgerlicher Behaglichkeit und maßvollen Wohllebens, der Herrn Chace unter den mittelmeerländischen Völkern aufgefallen war, und der Amerikaner war weise genug, diesem Kult Bewunderung zu zollen. Der rollende Stein aus dem Westen war froh, einen Augenblick auf diesem Felsen im Süden, der mit einer so dichten Moosschicht bedeckt war, ausruhen zu können. Aber Herr Chace hatte von Pater Brown gehört; in seinem Ton trat eine leichte Veränderung ein, er sprach, wie man mit berühmten Leuten spricht. Der Fragetrieb in ihm erwachte, taktvoll, aber nur durch ein Interview zu befriedigen. Wenn er versuchte, Pater Brown auszuhorchen, so geschah es jedenfalls nach der geschicktesten und unauffälligsten amerikanischen Methode.

Sie saßen in einer Art halboffenem Vorhof, wie er oft den Eingang zu spanischen Häusern bildet. Die Dämmerung nahm rasch zu, und da es nach Sonnenuntergang in den Bergen rasch kühl wird, hatte man einen kleinen Ofen auf die Steinfliesen gestellt, der rote Kringel auf den Boden warf und wie ein Kobold mit rotglühenden Augen in die Nacht starrte. Nur ab und zu streckte der Feuerschein auf dem Boden ein Zünglein bis an die große, kahle, braune Backsteinmauer vor, die über ihren Häuptern steil in die tiefblaue Nacht emporstieg. Im Zwielicht sah man undeutlich Flambeaus breitschultrige Gestalt und seine langen, wie Kavalleriesäbel gebogenen Schnurrbarthälften. Er zapfte aus einem großen Fasse Wein und reichte ihn herum. In seinem Schatten sah der Priester sehr zusammengeschrumpft und klein aus, er saß ganz zusammengekauert dicht an und halb über dem kleinen Ofen. Der Amerikaner hatte sich elegant vorgelehnt, den Ellenbogen aufs Knie gestützt, das feine, scharf umrissene Gesicht ganz im Licht. Seine Augen waren mit klug forschendem Ausdruck auf den Priester gerichtet.

Ich kann Ihnen versichern, sagte er, daß wir Ihre Leistung in der Mordsache Mondschein als den größten Triumph ansehen, den die Geschichte der Detektivwissenschaft bis jetzt zu verzeichnen hat.

Pater Brown murmelte etwas vor sich hin. Dieses Murmeln hatte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Stoßseufzer.

Wir alle kennen, fuhr der Amerikaner fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, die angeblichen Leistungen Dupins und anderer, jener Lecocqs, Sherlock Holmes', Nickolas Carters und anderer Phantasiefiguren der edlen Detektivkunst. Aber wir beobachten, daß Ihre eigenen Methoden, einen Fall anzupacken, sich vielfach und sehr deutlich von den Methoden dieser übrigen scharfen Denker, mögen sie nun Phantasiegestalten oder Menschen von Fleisch und Blut sein, unterscheiden. Man ist sogar auf die Vermutung gekommen, ob die Verschiedenheit der Methode nicht vielleicht den Schluß auf das Fehlen jeglicher Methode zuläßt.

Pater Brown schwieg, dann fuhr er plötzlich auf, fast als wäre er über dem Ofen eingenickt, und sagte: Entschuldigen Sie. Jawohl … Fehlen jeglicher Methode … aber, so fürchte ich, Fehlen jeglicher Aufmerksamkeit auch.

Ich meine das Fehlen einer genau festgelegten wissenschaftlichen Methode, fuhr der wissensdurstige Amerikaner fort. Edgar Allan Poe erklärt in einigen kleinen Essays in Gesprächsform Dupins Methode mit ihren feinen Übergängen von einem scharfen Gedanken zum andern. Doktor Watson mußte einigen hübschen exakten Darlegungen der Methode Holmes' lauschen, die sich durch Beobachtung materieller Einzelheiten auszeichnet. Aber niemand scheint sich bis jetzt an eine erschöpfende Darstellung Ihrer eigenen Methode herangewagt zu haben, Pater Brown, und man hat mir gesagt, daß Sie das Anerbieten, darüber eine Reihe Vorträge in den Staaten zu halten, abgelehnt haben.

Das stimmt, antwortete der Priester mit einem unwilligen Blick auf den Ofen, ich habe abgelehnt.

Ihre Ablehnung entfesselte eine sehr interessante Diskussion, bemerkte Chace. Ich darf Sie vielleicht darauf aufmerksam machen, daß man bei uns verschiedentlich meint, Ihre Wissenschaft könne gar nicht dargelegt...