Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige

von: Sabine Metzing

Hogrefe AG, 2007

ISBN: 9783456945491 , 191 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 26,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige


 

Kapitel 4: Normal weiterleben können (S. 137-138)

Chronische Erkrankung eines Angehörigen stellt eine Bedrohung für die gesamte Familie dar. Wie die Familien selbst auf die Erkrankung reagieren, welche Aufgaben in welchem Umfang innerhalb der Familie umverteilt werden, um den erschwerten Alltag zu bewältigen, wurde neben Einflussfaktoren, Beweggründen der Kinder und Auswirkungen auf alle Betroffenen in Kapitel 3 beschrieben. Dieses Kapitel stellt den zweiten Ergebnisbereich dar und beschreibt als Phänomen den tiefen Wunsch der Familien, „so normal wie möglich weiterleben [zu] können". Das erste Unterkapitel (4.1) widmet sich der Hoffnung als Motor für die Alltagsbewältigung, in ihm werden Antworten der Familien auf die ‚gute-Fee-Frage’ (s.a. 2.4.4/Gestaltung der Interviews) vorgestellt. Kapitel 4.2 bildet den Schwerpunkt und konzentriert sich auf konkrete Bedürfnisse und Erwartungen der Familien an Unterstützung von Außen, um trotz Krankheit ein normales (Familien)Leben führen zu können. Es wird mit einer Übersichtsgrafik zu diesem Phänomen eingeleitet (s. Abb. 7), daran schließt sich die Darstellung der Konzepte in ihrer Beziehung zum Phänomen.

4.1 Hoffnung als Motor: „ach hätt’ ich doch ’nen Zauberstab"

Sich in die Märchenwelt einer guten Fee zu begeben, bedeutet, die reale Welt für einen Augenblick zu verlassen und eine (imaginäre) Welt zu kreieren, deren Existenz durch bloße Aussprache eines tiefen Bedürfnisses geschaffen werden kann, ohne dass dabei Hindernisse zu überwinden sind. Wünsche an eine gute Fee zu formulieren, ermöglicht Kindern wie Eltern, auszudrücken, wonach sie sich sehnen, worauf sie hoffen, welche Wünsche höchste Priorität für sie haben. Mit einer Ausnahme beantworteten die Kinder die ‚gute-Fee-Frage’ sehr spontan und mit großer Übereinstimmung. Besonders die Jüngeren waren freudig erregt und hatten Spaß an der Vorstellung, am Abend eine Fee zu treffen. Lediglich eine 14Jährige konnte oder wollte sich nicht auf das Gedankenspiel einlassen und sagte, dass sie beim Anblick der Fee wahrscheinlich denken würde, Drogen genommen zu haben, die ihr nicht bekommen seien. Sie beendet ihre Antwort mit der Gegenfrage: „ich weiß nicht, was soll ich mir wünschen?".

‚Wie aus der Pistole geschossen’ gilt der erste Wunsch der Kinder durch alle Altersgruppen der Gesundheit des erkrankten Familienmitglieds. Hier zeigen sich Variationen von ‚gesund sein’ („dass Mama wieder gesund ist"), ‚gesund werden’ („dass Mama wieder gesund wird") oder ‚Besserung erfahren’ („dass es meinem Vater wieder besser geht, halt so, wie er es gerne hätte"). Mehrere Kinder und Jugendliche (zwischen sieben und 17 Jahren) antworten spontan mit den Worten: „dass Mama wieder gesund wird, und dafür nehm’ ich alle drei [Wünsche]".

Ein zweiter Wunsch wird erst nach einer kurzen Pause formuliert. Dieser gilt entweder ebenfalls dem Wohlergehen des erkrankten Angehörigen („dass sie wieder glücklich wird", „dass er nicht so viele Schmerzen hat") oder bezieht sich auf die ganze Familie („dass wir vielleicht ein Haus haben", „dass wir überhaupt nicht mehr krank sind", oder „dass wir immer viel zu essen haben"). In den wenigen Fällen, in denen der zweite Wunsch der eigenen Person gilt, steht der Wunsch nach (Haus)Tieren im Vordergrund. Ein dritter Wunsch wird meistens nur noch auf direktes Nachfragen geäußert. So spontan der erste Wunsch formuliert wird, so zögerlich artikulieren die Kinder einen Dritten.